„Und da meinst du, du könntest dem Gericht Gottes entgehen, die du verurteilst weil sie solche Dinge tun. Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte und Nachsicht und Geduld?“ Römer 2, 3&4

Römer 2, 1-11: Jetzt wird es unglaublich spannend. In den ersten elf Versen geht es eigentlich darum, dass wir uns selber verurteilen, wenn wir andere aufgrund ihrer Taten schief anschauen und uns ein Urteil über sie fällen. Wenn wir Menschen beurteilen und sie nach unserem Raster in eine Schublade schieben, so sagt uns der Schreiber, wird uns „der Zorn Gottes“ treffen. Doch wen genau wird Gott für was verurteilen? Um darauf eine Antwort zu finden, müssen wir die Verse 3&4 in ihrer wortwörtlichen Übersetzung anschauen. Hier kommt heraus, dass Menschen, die den Reichtum seiner Gnade verachten, mit voller Härte von Gottes Zorn getroffen werden. Menschen, die anderen die Gnade absprechen, die die Gnade verneinen oder sie nicht in voller Konsequenz zulassen, werden, so der Schreiber, mal selber ein fettes Problem haben. Wenn wir diesen Vers wortwörtlich anschauen, ergibt das einen ganz anderen Sinn. Gott richtet am Ende Menschen, die seine Gnade, seine Güte, seine Nachsicht verachten, weil sie das Gefühl haben, es besser zu wissen.

Ich persönlich erinnere mich noch gut an ein tiefes Schlüsselerlebnis in meinem Leben. Vor ein paar Jahren habe ich begonnen, mich intensiv mit der Gnade Gottes und deren Auswirkungen auseinanderzusetzen. Sicher auch, weil ich bemerkte, dass ich in meinem Leben, aber auch wir allgemein als Christen hier in Europa, noch einiges in diesem Bereich nachzuholen haben. Ich meine die letzte Revolution der Gnade liegt ja doch schon gut 500 Jahre zurück. Das wäre Luther gewesen. Aber irgendwie waren wir als Kirche und auch ich dort stehengeblieben und hatten immer noch sehr viel Werkgerechtigkeit in uns. Je mehr ich mich nun mit dem Thema Gnade auseinandersetzte, umso mehr sagte ich zu mir: „Das geht nicht auf! Das ist viel zu einfach, viel zu banal und wird eh nur von uns Menschen ausgenutzt!“ Doch ich begann zu realisieren, dass dieses Denken von meinem dualistisch geprägten Denken kommt. Das bedeutet schwarz-weiß. Zuerst sind die Menschen böse, dann wenn sie – je nach Glaubensrichtung entweder wenn sie gebetet haben, getauft worden sind oder x-mal ihre Sünden bekannt haben – gerettet und gut. Dies bedeutet, der böse Mensch will eh nur Gottes Gnade ausnutzen, somit ist es mit der Gnade zu einfach. Doch in dem ganzen Prozess erlebte ich quasi eine zweite Erweckung. Ich realisierte, dass Gottes Gnade weder billig noch einfach ist. Denken wir das ganze konsequent zu Ende, hat sie, und nur sie, die KRAFT Leben zu verändern. Weil die Gnade die Kraft Gottes ist, mit der Gott uns immer wieder begegnen will. Dank seiner Gnade können wir sündigen Menschen erleben, wie Gott uns verändert und retten will. Und dies nicht erst wenn wir genügend gebetet haben. Die Gnade Gottes sucht nach uns, auch wenn wir noch überhaupt nicht daran glauben. Die Gnade Gottes ist grösser als wir sie jemals erfassen noch erklären könnten. Die Gnade Gottes hat uns wiederhergestellt und uns vor Gott gerecht erklärt, auch wenn wir dies noch nicht glauben. Der Glaube öffnet uns nur die Tür zu dieser Erkenntnis, zu dieser Kraft. Doch so gesehen sind wir Menschen von Anfang an nicht „schlecht“, sondern Kinder, Auserwählte und Erwählte Gottes. Wir wachsen zwar in einer schlecht geprägten Welt auf, aber wir alle haben das Potenzial in uns, die Gnade zu erleben, der Gnade zu begegnen und sie zu erfahren. Die Gnade Gottes ist da. Mitten unter uns. Und dazu braucht es ein Erkennen und Verstehen dieser Gnade. Und dies beginnt laut Römer auch darin, wenn wir die Gnade Gottes im Leben anderer sehen und sie ihnen zugestehen. Doch statt Menschen mit den Augen der Gnade, der Vergebung und der Güte Gottes anzuschauen, sind wir in der Gefahr das Schlechte in ihnen zu sehen. Sie sind ja Verlorene, Vergessene, Verstoßene und brauchen die Rettung. Doch dabei vergessen wir und sehen es in unserer beschränkten Sicht oftmals nicht mehr, dass Gott schon lange daran arbeitet sie zu retten. Menschen zu verändern. Jedes Mal wenn wir Menschen verurteilen, verurteilen wir also eigentlich Gott. Wir verurteilen seine Kraft mit der er an ihnen und bei ihnen am Arbeiten ist. Jedes Mal wenn wir denken, „bei dieser Person gibt es keine Hoffnung mehr“, verurteilen wir die Möglichkeiten Gottes in ihrem Leben. So schnell richten wir. Wir vergessen dabei, dass die Gnade Gottes bei diesem Menschen immer noch etwas bewegen und verändern könnte. Wir verachten durch unser Richten die Macht und Kraft der Gnade Gottes, die Größe seiner Geduld und Liebe und ignorieren seine Geduld und seine Kraft der Veränderung.

Auch hier erkennen wir einmal mehr, nicht unser Tun, unsere guten Taten, unsere schönen Worte entscheiden über Segen und Leben, sondern unsere Herzen. Menschen, die es schaffen, auch in den hoffnungslosesten Fällen noch etwas Gutes zu sehen, auch die Menschen nicht aufzugeben, die scheinbar in unseren Augen verloren sind, rechnen mit der Gnade Gottes. Denn so manche harte Herzen wurden verändert, so viele kaputte Leben wiederhergestellt – nur, weil die Gnade Gottes ein Menschenleben berührt hat. Doch wenn wir Menschen verurteilen, sprechen wir ihnen die Veränderung, die Hoffnung und somit auch die Gnade Gottes ab. Und dies trifft nicht nur sie, sondern auch Gott.

Wann kommt Gnade zum Wirken, zu ihrer vollen Entfaltung? Genau in den Momenten, wo wir nicht mehr weitersehen, am Ende sind und vor lauter Fehler, vor lauter Versagen keine Hoffnung mehr finden. Wenn wir weit weg sind vom Leben, verloren in unseren Sehnsüchten, orientierungslos und stehengeblieben. Menschen, die Schlechtes tun und erkennen, dass sie Rettung brauchen und sich wieder zurück zu Gott und ins Leben kämpfen, erleben die Gnade Gottes. Sie sind angewiesen auf die Gnade Gottes. Darum auch sagt Paulus an einer anderen Stelle: „Je grösser die Sünde ist, umso grösser ist die Gnade Gottes, mit der er den Menschen begegnet.“ Und wenn wir dies vergessen, anderen nicht zugestehen, es nicht erkennen und verstehen, werden wir hart. Unsere Herzen werden stolz und wir werden zu Richter, obwohl wir alle das Gericht verdient haben und letztendlich dank der Gnade Gottes gerettet werden. Wir verurteilen und verlieren am Ende selber. Gott sagt, dass er uns dann zur Rechenschaft ziehen wird, wenn wir den Menschen, die Schlimmes tun, jegliche Gnade abgesprochen haben. Wenn wir nicht wirklich mit seiner Kraft gerechnet haben und selber über Recht und Unrecht entschieden haben. Und hier spreche ich nicht von den rechtlichen Ordnungen, die es braucht um öffentliches Leben zu organisieren und zu schauen, dass alles mit rechten Dingen zu und her geht. Es geht mir hier um eine geistliche Haltung. Wie begegnen wir Menschen, die anders denken, anders handeln? Wie begegnen wir Menschen, die in unseren Augen versagen? Sehen wir in ihren Augen immer noch ein kleines Leuchten der Gnade Gottes oder haben sie jeglichen Kredit bei uns verspielt? Suche das Leuchten immer wieder. Mache dich nicht zum Richter, sondern liebe sie, suche die Hoffnung in ihnen und hüte dich davor sie zu verurteilen, denn sonst wirst auch du wieder verurteilt werden.

In dem Sinn, stehe zu deinen Überzeugungen, halte an deinen Werten fest, aber rechne immer wieder damit, dass Menschen durch die Kraft Gottes verändert werden können. Dein Leben ist zu kostbar als das du es damit verbringst, andere zu beurteilen und dir dabei nur die Gnade Gottes verspielst!

„Ewige Herrlichkeit jedoch und Ehre und Frieden werden jedem gegeben, der tut, was gut ist. Auch das gilt zunächst für die Juden und gilt ebenso für alle anderen Menschen. Denn bei Gott gibt es kein Ansehen der Person.“ Römer 2, 10&11